Verbreiten Autodidakten und Hobbyforscher vorwiegend Unsinn oder können sie zum Erkenntnisfortschritt beitragen?

Viele Erkenntnisse, die wir heute als intellektuelle Durchbrüche ansehen, standen zum Zeitpunkt ihrer Formulierung im Widerspruch zur vorherrschenden Meinung und wurden anfangs heftig bekämpft. Man denke beispielsweise an das heliozentrische Weltbild von Kopernikus, die Kontinentaldrift-Hypothese von Alfred Wegener oder die Abstammungslehre von Charles Darwin. Aus diesem Befund lässt sich jedoch nicht der Umkehrschluss ziehen, dass jede Idee, die von der Mehrheitsmeinung abweicht und auf Ablehnung stößt, genial ist und sich im Laufe der Zeit durchsetzen wird. In den meisten Fällen ist sie nämlich schlicht Unsinn. 

Viele Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler stöhnen über die Flut an verrückten Ideen, mit denen sie von Hobbyforschern behelligt werden oder die im Internet kursieren. Es gibt viele Autodidakten, die sich mit philosophischen Grundfragen befassen oder mit fundamentalen Theorien wie der Relativitäts- und Quantenphysik, die nicht intuitiv einsichtig sind. Man trifft diese Hobbyforscher aber auch in anderen Fächern wie der Mathematik und Biologie; manche Themenfelder wie die Heimatgeschichte oder die Genealogie werden sogar nahezu ausschließlich von Hobbyforschern beackert. Viele dieser Hobbyforscher sind hauptberuflich Lehrer oder Ruheständler, die sich nach ihrem aktiven Berufsleben den Fragen und Themen widmen, die sie schon immer interessiert haben. Häufig haben sie ein einschlägiges Fach studiert und besitzen durchaus erhebliche Fachkenntnisse, aber auch nicht immer. Während meines Berufslebens hatte ich mehrfach mit solchen Freidenkern zu tun, weil sie auf der Suche nach Gesprächspartnern, finanzieller Unterstützung oder Verwertungsmöglichkeiten für ihre Ideen waren. Die meisten dieser Freidenker, mit denen ich zu tun hatte, waren allerdings eine spezielle Sorte Mensch, die man im Englischen als "cranks" (Spinner) bezeichnet. Vollends von ihren meist unausgereiften Ideen überzeugt, waren sie nicht in der Lage, die Schwachstellen in ihren eigenen Überlegungen zu erkennen, während sie andere Standpunkte (insbesondere den wissenschaftlichen Mainstream) heftig kritisierten. Zudem waren sie oft nicht in der Lage, die Vorteile ihres Denkansatzes überzeugend darzulegen. Für eine offene und kritische Diskussion ihres Denkansatzes waren nur die wenigsten zugänglich. 

Nun habe ich die Seite gewechselt und bin selbst ein solcher Freidenker geworden, dessen Ideen im Internet kursieren. Das ist schon irgendwie skurril. Einerseits weiß ich, wie genervt die aktive Wissenschaftler-Community von Typen wie mir ist, anderseits sehe ich auch, wie sich der wissenschaftliche Mainstream alternativen Erklärungsmustern und Herangehensweisen verschließt.

Mit den Innovationen in der Wissenschaft ist es wie mit den Mutationen in der Biologie: Die meisten Mutationen sind nutzlos oder sogar schädlich, nur in wenigen Fällen erweisen sie sich als überlegen. Doch ohne sie gäbe es keinen Fortschritt, keine Weiterentwicklung. Ob eine Mutation nützlich oder ein neuer Gedanke brauchbar ist, erweist sich erst in der Praxis. So wie Mutationen sich nur dann durchsetzen können, wenn sie einen Vorteil bei Überleben und Vermehrung bieten, müssen neue Ideen ihre Überlebensfähigkeit im Säurebad der Kritik erweisen. Im stillen Kämmerlein kreist man immer nur um die eigenen Gedanken. Ob die eigenen Ideen auch der Kritik standhalten und zu überzeugen vermögen, erfährt man erst im Dialog mit anderen. Deshalb hoffe ich auf Interesse und Feedback zu den Ideen, die auf welträtsel.org zu finden sind ...  

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